Ein Satz erobert die Straßen und Bildschirme: „Jesus liebt dich!“ Doch ist diese Botschaft biblisch haltbar? Was sagt die Heilige Schrift wirklich über Gottes Liebe – und für wen gilt sie eigentlich?
Es ist zu einer Art geistlichem Slogan unserer Zeit geworden, einem freundlichen Gruß, der von Plakaten leuchtet, in sozialen Netzwerken geteilt wird und von wohlmeinenden Christen mit strahlendem Lächeln verkündet wird: „Jesus liebt dich!“ Die Botschaft klingt warm, einladend, tröstlich. Sie verspricht bedingungslose Annahme in einer Welt voller Ablehnung. Doch wir müssen innehalten und fragen: Entspricht diese allgemeine, unterschiedslose Verkündigung tatsächlich dem Zeugnis der Heiligen Schrift? Oder haben wir aus der biblischen Wahrheit eine gezuckerte Halbwahrheit gemacht, die zwar die Ohren kitzelt, aber das Herz nicht wirklich erreicht?
Die Frage ist keineswegs kleinlich oder lieblos. Im Gegenteil: Wahre Liebe zu den Menschen verpflichtet uns zur Wahrhaftigkeit. Wer einen Kranken mit falschen Diagnosen tröstet, erweist sich als grausam, nicht als barmherzig. So verhält es sich auch mit der geistlichen Botschaft. Wenn wir jedem Menschen unterschiedslos zusprechen, Jesus liebe ihn, ohne die Bedingungen und den Zusammenhang dieser Liebe zu nennen, verkündigen wir möglicherweise eine Botschaft, die so in der Heiligen Schrift nicht steht. Wir müssen also zur Quelle zurückkehren, zu Gottes geoffenbartem Wort, das allein zuverlässig ist und nicht nach Zeitgeist und menschlichem Gutdünken gebeugt werden darf.
Zunächst ist festzuhalten: Ja, die Liebe Gottes ist das durchgehende Grundzeugnis der Heiligen Schrift. Der Apostel Johannes schreibt: – Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16). Diese Stelle ist wohl die bekannteste des gesamten Neuen Testaments und wird oft als Beleg für die universale, bedingungslose Liebe Gottes zu allen Menschen angeführt.
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Gottes Liebe zur Welt äußert sich darin, dass er seinen Sohn gab – aber das ewige Leben empfangen nur jene, die an ihn glauben. Die Liebe Gottes ist universal in ihrem Angebot, aber nicht in ihrer rettenden Wirkung. Gott liebt die Welt so sehr, dass er allen Menschen die Möglichkeit zur Umkehr und zum Glauben schenkt, doch diese Liebe wird nur denen zum Heil, die im Glauben annehmen, was Christus für sie getan hat.
Auch der erste Johannesbrief bezeugt: – Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden (1. Johannes 4,9–10). Hier wird die Liebe Gottes konkret: Sie zeigt sich in der Sendung des Sohnes zur Versöhnung. Doch diese Versöhnung muss angenommen werden. Sie gilt nicht automatisch allen, sondern jenen, die sich unter das Kreuz Christi stellen und ihre Schuld bekennen.
Nun könnte man einwenden: Aber heißt es nicht, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden? Ja, das steht geschrieben: – Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Timotheus 2,4). Und Petrus schreibt: – Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde (2. Petrus 3,9). Diese Stellen bezeugen Gottes gnädigen Willen, seine Langmut, seine Einladung an alle. Doch sie bezeugen nicht, dass alle Menschen tatsächlich gerettet werden oder dass Gottes Liebe unabhängig von Buße und Glauben heilswirksam ist. Gott bietet seine Gnade allen an, doch nur wer umkehrt und glaubt, empfängt das Heil.
Die Heilige Schrift kennt auch eine andere Seite Gottes, die in unserer Zeit gern verschwiegen wird: seinen heiligen Zorn über die Sünde. Jesus selbst spricht im Johannesevangelium: – Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm (Johannes 3,36). Der Zorn Gottes bleibt über dem, der nicht glaubt. Das ist eine ernste, ja furchtbare Wahrheit. Sie zeigt, dass Gottes Liebe nicht einfach ein allgemeines Wohlwollen ist, das über allem schwebt, sondern eine heilige, gerechte Liebe, die Sünde nicht dulden kann. Wer Christus ablehnt, bleibt unter dem Zorn Gottes. Das ist keine Drohung, die wir uns ausgedacht haben, sondern das Zeugnis der Heiligen Schrift.
Auch im Römerbrief lesen wir: – Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten (Römer 1,18). Paulus spricht klar von Gottes Zorn über die Gottlosigkeit. Dieser Zorn ist nicht launisch oder willkürlich, sondern die gerechte Antwort des heiligen Gottes auf die Sünde. Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit stehen nicht im Widerspruch, sondern gehören zusammen. Am Kreuz von Golgatha treffen beide aufeinander: Dort trägt Christus den Zorn Gottes über unsere Sünde, damit wir Vergebung empfangen können. Dort zeigt sich die Liebe Gottes in ihrer tiefsten, radikalsten Gestalt – nicht als billiger Trost, sondern als teuer erkaufte Gnade.
Darum ist es irreführend, jedem Menschen pauschal zuzurufen: „Jesus liebt dich!“ Denn diese Aussage ist so allgemein, dass sie die Schärfe des Evangeliums verliert. Die biblische Botschaft lautet nicht: „Gott liebt dich, egal was du tust, egal was du glaubst.“ Sondern sie lautet: „Gott hat dich so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für deine Sünden hingegeben hat. Kehre um, glaube an ihn, und du wirst gerettet!“ Das Evangelium ist eine Einladung, aber auch eine Forderung. Es bietet Gnade an, aber es ruft zur Buße. Es verspricht Leben, aber es warnt vor dem Tod.
Martin Luther hat diese Spannung klar erkannt. In seiner Auslegung betont er immer wieder: Gottes Gnade ist umsonst, aber sie ist nicht billig. Sie kostet nichts, aber sie kostet alles. Sie verlangt, dass wir uns selbst sterben und Christus leben lassen. Luther schreibt in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Diese Freiheit und dieser Dienst gründen in der Liebe Christi, die uns ergreift, verwandelt und in den Gehorsam führt.
Es ist bezeichnend, dass Jesus selbst nicht zu allen Menschen gesagt hat: „Ich liebe dich.“ Er hat geliebt, gewiss, aber er hat auch klar unterschieden. Zu seinen Jüngern sagt er: – Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe (Johannes 15,9–10). Die Liebe Jesu ist nicht losgelöst vom Gehorsam. Sie ist nicht eine sentimentale Gefühlsduselei, sondern eine treue, verpflichtende Gemeinschaft. Wer in Jesu Liebe bleiben will, muss in seinem Wort bleiben.
Zu den Pharisäern hingegen, die sich selbst für gerecht hielten und Gott nicht gehorchen wollten, spricht Jesus harte Worte: – Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge (Johannes 8,44). Das ist keine Liebeserklärung. Das ist ein Gericht. Jesus liebt die Wahrheit mehr als die Harmonie. Er liebt die Menschen so sehr, dass er ihnen die Wahrheit sagt, auch wenn sie schmerzt.
Darum sollten wir vorsichtig sein, jedem Menschen vorschnell zuzusagen: „Jesus liebt dich“, wenn sein Leben offenkundig nicht dem Willen des Vaters entspricht. Denn Jesus hat diese Worte nicht wahllos über alle Menschen ausgesprochen – ja, er hat sie überhaupt nie in dieser Form gesagt. Er hat den Menschen die Wahrheit gesagt, und diese Wahrheit war oft ein Ruf zur Umkehr, nicht eine Bestätigung, nicht eine Gefühlsduselei. Wer das Wort Gottes hört, hört nicht ein beliebiges „Ich liebe dich“, sondern den ernsten Ruf Jesu: „Folge mir nach.“
Auch die Offenbarung des Johannes zeigt, dass Christus nicht allen Menschen in gleicher Weise begegnet. Den Gemeinden, die treu geblieben sind, verspricht er Leben und Herrlichkeit. Denen aber, die lau geworden sind, droht er mit Gericht: – Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde (Offenbarung 3,16). Das sind ernste Worte des auferstandenen Christus an seine Gemeinde. Sie zeigen: Gottes Liebe ist heilig, und sie duldet keine Gleichgültigkeit.
Was bedeutet das nun für unsere Verkündigung? Es bedeutet, dass wir differenziert und schriftgemäß reden müssen. Wir dürfen und sollen bezeugen, dass Gott die Welt so geliebt hat, dass er seinen Sohn gab. Wir dürfen einladen, umzukehren und zu glauben. Wir dürfen verkündigen, dass jeder, der zu Christus kommt, angenommen wird. Doch wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als sei Gottes Liebe eine Art kosmisches Streicheln, das allen gilt, ob sie wollen oder nicht. Gottes Liebe ist heilsam für die, die glauben, aber sie bleibt wirkungslos für die, die sich verhärten, die Christus ablehnen.
Darum sollten wir statt des pauschalen „Jesus liebt dich“ lieber sagen: „Gott hat dich so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für deine Sünden sterben ließ. Komm zu ihm, bekenne deine Schuld, glaube an ihn, und du wirst seine Liebe erfahren.“ Das ist ehrlicher, biblischer und letztlich liebevoller. Denn wahre Liebe redet nicht nach dem Mund, sondern nach der Wahrheit.
Die Liebe Christi ist groß, weit, tief und hoch. Sie übersteigt alles, was wir begreifen können. Paulus betet für die Epheser, „dass ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle (Epheser 3,18–19). Doch diese Liebe will ergriffen, geglaubt, empfangen werden. Sie steht nicht einfach über allen wie ein Regenschirm, sondern sie will in die Herzen eindringen und sie verwandeln.
Lasst uns also die Liebe Christi verkündigen, aber lasst uns sie in ihrer ganzen biblischen Fülle und Schärfe verkündigen. Lasst uns nicht verschweigen, dass Gott heilig ist, dass Sünde trennt, dass Buße nötig ist, dass Glaube gefordert wird. Und lasst uns zugleich die unermessliche Gnade preisen, die am Kreuz geschehen ist. Dort hat Christus alles gegeben. Dort hat er uns geliebt bis in den Tod. Diese Liebe ist real, sie ist mächtig, sie ist rettend. Aber sie will angenommen werden im Glauben, im Gehorsam, in der Nachfolge.
So bleibt die Frage an jeden von uns: Hast du diese Liebe Christi für dich persönlich ergriffen? Bist du umgekehrt von deinen Wegen? Hast du dein Leben Christus übergeben? Wenn ja, dann darfst du gewiss sein: Ja, Jesus liebt dich mit einer Liebe, die ewig ist. Wenn nein, dann ist die Einladung heute an dich: Komm, glaube, empfange das Heil. Gottes Liebe wartet auf dich, aber sie wartet nicht ewig. Heute ist der Tag des Heils. Amen.
Pater Berndt