Wer Christus nachfolgt, muss unbequem sein dürfen. Doch viele Christen haben die Klarheit des Evangeliums gegen soziale Akzeptanz eingetauscht. Eine Besinnung auf das Wort Gottes.
Es ist eine bemerkenswerte Beobachtung unserer Tage, dass das Wort „Kritik“ seinen ursprünglichen Sinn nahezu verloren hat. Was einst Beurteilungskunst war – die Kunst der Unterscheidung und des prüfenden Urteils –, ist in unserer Zeit zum Schimpfwort verkommen. Kritik gilt als verletzend, als lieblos, ja als unchristlich. Und so schweigen viele Gläubige dort, wo sie reden sollten, und lächeln dort, wo sie widersprechen müssten.
Sie haben vergessen, was unser Herr Jesus Christus in der Bergpredigt spricht: – Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten (Matthäus 5,13). Salz aber ist nicht süß. Es brennt in Wunden, es konserviert, es gibt Geschmack und Halt. Es ist unbequem und notwendig zugleich.
Die Frage, die sich uns heute stellt, ist eine zutiefst geistliche: Sind wir noch Salz, oder sind wir zu Zucker geworden? Zucker gefällt, Zucker schmeckt allen, Zucker macht beliebt. Doch Zucker verdirbt auch, er klebt, er nährt nicht wirklich, und er hat keine bewahrende Kraft. Wer nur noch liebt, ohne zu unterscheiden, wer nur noch tröstet, ohne zu mahnen, wer nur noch umarmt, ohne zu warnen, der mag ein freundlicher Mensch sein, aber er ist kein treuer Zeuge Christi mehr. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus mit apostolischer Autorität: – Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, deckt sie vielmehr auf (Epheser 5,11). Hier ist keine Rede von blindem Harmoniestreben oder von einer Liebe, die alles gutheißt. Hier ist die Rede von einer Liebe, die das Licht Christi in die Dunkelheit trägt, und das bedeutet zuweilen: aufdecken, benennen, widerstehen, notwendige Kritik üben.
Man muss sich fragen, woher dieser Wandel kommt. Warum sind so viele Christen heute so ängstlich geworden? Warum fürchten sie das Urteil der Welt mehr als das Urteil Gottes? Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Ursache, sondern in einem schleichenden Prozess der Anpassung. Die Gemeinde Christi hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend dem Zeitgeist gebeugt. Sie hat die Botschaft des Evangeliums nicht mehr als scharfes, zweischneidiges Schwert verstanden, wie es im Hebräerbrief heißt: – Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens (Hebräer 4,12). Stattdessen wurde das Evangelium zu einer Wellness-Botschaft umgedeutet, zu einer Art geistlichem Kuschelkissen, das niemanden mehr stört und niemandem mehr wehtut.
Doch ein Evangelium, das nicht mehr trennen kann, das nicht mehr unterscheiden kann zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Licht und Finsternis, ist kein Evangelium mehr. Es ist eine Fälschung.
Die Heilige Schrift selbst warnt uns eindringlich vor dieser Gefahr. Der Prophet Jesaja ruft in Kapitel 5, Vers 20: – Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! Hier wird ein geistlicher Betrug beschrieben, der nicht nur intellektueller, sondern moralischer und geistlicher Natur ist. Es ist die Verkehrung der Ordnung Gottes, die Verdrehung dessen, was er als gut und böse gesetzt hat.
Und genau dies geschieht heute in erschreckendem Maße. Sünde wird nicht mehr Sünde genannt, sondern „Lebensstil“. Irrlehre wird nicht mehr Irrlehre genannt, sondern „andere Perspektive“. Abfall vom Glauben wird nicht mehr Abfall genannt, sondern „persönliche Entwicklung“. Und wer es wagt, diese Dinge beim Namen zu nennen, wird nicht als Prophet geehrt, sondern als Störenfried gemieden.
Doch wie soll ich einen Menschen aus der Finsternis ins Licht führen, wenn mir verboten wird, die Finsternis überhaupt zu benennen? Wie soll ich seine Taten prüfen, wenn jede Prüfung als Angriff gilt? Wie soll ich den Menschen lieben, der in der Sünde lebt, wenn mir die Liebe verweigert wird, die ihn zur Wahrheit ruft? Denn wahre Liebe schweigt nicht, wenn der Bruder sich verirrt; sie trägt das Kreuz der Klarheit, auch wenn sie dafür missverstanden wird.
Es ist gewiss richtig, dass die Liebe das höchste Gebot ist. Der Herr Jesus selbst sagt es uns in Matthäus 22, Vers 37 bis 40: – Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Doch diese Liebe ist keine blinde Liebe. Sie ist keine Liebe, die alles toleriert und alles gutheißt. Sie ist die Liebe Gottes, die heilig ist und gerecht, die barmherzig ist und zugleich wahrhaftig. Diese Liebe kann nicht lügen. Sie kann nicht schweigen, wo die Wahrheit gesagt werden muss. Der Apostel Paulus formuliert es klar im ersten Brief an die Korinther: – Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit (1. Korinther 13,6). Wer also im Namen der Liebe die Wahrheit verschweigt, der liebt nicht wirklich. Er schmeichelt, er besänftigt, er beruhigt vielleicht. Aber er liebt nicht im biblischen Sinne.
Man könnte einwenden: Aber hat Jesus nicht gesagt, wir sollen nicht richten? Steht nicht geschrieben in Matthäus 7, Vers 1: – Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet? Gewiss, der Herr hat dies gesagt, und es ist ein wichtiges Wort. Doch man muss die ganze Lehre Jesu hören, nicht nur einzelne Sätze herausreißen. Denn derselbe Herr Jesus, der sagt – Richtet nicht, sagt auch im gleichen Kapitel, Vers 15 und 16: – Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Wie soll ich aber falsche Propheten erkennen, wenn ich nicht unterscheiden, wenn ich nicht prüfen, wenn ich nicht urteilen darf? Die Heilige Schrift selbst fordert uns auf zum prüfenden Urteil. Der Apostel Johannes schreibt in seinem ersten Brief, Kapitel 4, Vers 1: – Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Und Paulus ermahnt die Thessalonicher: – Prüft aber alles und das Gute behaltet (1. Thessalonicher 5,21).
Das Verbot des Richtens meint also nicht, dass wir keine geistliche Unterscheidungsgabe mehr haben sollen. Es meint vielmehr, dass wir nicht selbstgerecht, nicht heuchlerisch, nicht ohne Liebe urteilen sollen. Es geht um die Haltung des Herzens, nicht um das Schweigen des Mundes.
Die Wahrheit ist: Christus selbst war unbequem. Er war nicht der sanfte, immer lächelnde, niemals widersprüchliche Seelsorger, zu dem ihn manche moderne Theologie gemacht hat. Er war ein Prophet, ein Lehrer, ein Richter. Er hat die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht mit weichen Worten getadelt, sondern sie – übertünchte Gräber genannt (Matthäus 23,27). Er hat die Händler aus dem Tempel getrieben, nicht mit einer Bitte, sondern mit einer Geißel (Johannes 2,15). Er hat Petrus hart zurechtgewiesen mit den Worten: – Hebe dich weg von mir, Satan! (Matthäus 16,23). War das lieblos? Nein. Es war Liebe in ihrer höchsten Form, denn es war Liebe zur Wahrheit, Liebe zur Seele des Irrenden, Liebe zum Willen des Vaters. Wer Christus nachfolgen will, muss bereit sein, ebenso unbequem zu werden. Nicht aus Rechthaberei, nicht aus Stolz, sondern aus Gehorsam.
Es ist auch bemerkenswert, dass der Herr seine Jünger nicht in die Welt gesandt hat mit der Botschaft: „Seid nett zu allen, eckt nirgends an, passt euch an.“ Nein, er sagt in Matthäus 10, Vers 34: – Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Dieses Schwert ist das Wort Gottes, das scheidet zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Gehorsam und Ungehorsam. Und er warnt seine Jünger ausdrücklich: – Ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen (Matthäus 10,22).
Wer also heute als Christ nirgends aneckt, wer von allen geliebt wird, wer niemals Widerspruch erfährt, der muss sich fragen: Verkündige ich wirklich noch das Evangelium Jesu Christi? Oder habe ich es so weit verwässert, dass es niemandem mehr wehtut?
Die gegenwärtige Entwicklung in vielen christlichen Gemeinden und in den sozialen Medien zeigt ein erschreckendes Bild. Man hört Predigten, die mehr an Motivationsvorträge erinnern als an die Verkündigung des Wortes Gottes. Man liest Bücher, die mehr von Selbstverwirklichung sprechen als von Selbstverleugnung. Man erlebt Gottesdienste, die mehr Unterhaltung bieten als Anbetung. Und über allem schwebt das Motto: „Wir wollen niemanden verletzen.“
Doch die Heilige Schrift sagt uns klar: – Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren (2. Timotheus 4,3–4). Sind wir nicht längst in dieser Zeit angekommen?
Die Aufgabe der Gemeinde Christi ist nicht, der Welt zu gefallen. Ihre Aufgabe ist, der Welt das Evangelium zu verkündigen, ob es passt oder nicht, ob es willkommen ist oder nicht. Der Apostel Paulus schreibt im zweiten Brief an Timotheus, Kapitel 4, Vers 2: – Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. Hier ist alles enthalten: die Geduld, gewiss, aber auch das Zurechtweisen, das Drohen, das Ermahnen. Wer nur die Geduld predigt und das Ermahnen verschweigt, der verkündigt nicht das ganze Evangelium. Er verkündigt eine Halbwahrheit, und eine Halbwahrheit ist eine ganze Lüge.
Was bedeutet das nun praktisch für uns als Christen heute? Es bedeutet zunächst, dass wir wieder lernen müssen, die Heilige Schrift als alleinige Autorität unseres Glaubens und Lebens ernst zu nehmen. Nicht unsere Gefühle, nicht die Meinungen der Mehrheit, nicht die Zeitströmungen sollen unser Denken bestimmen, sondern das Wort Gottes allein. Luther hat es in seiner großen Erkenntnis formuliert: Sola Scriptura, die Schrift allein. Und weil die Schrift von Gott inspiriert ist, ist sie auch unfehlbar in ihrem Zeugnis. Paulus schreibt: – Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit (2. Timotheus 3,16). Wo wir diese Schrift beiseitelegen oder nur selektiv lesen, da verlieren wir unseren geistlichen Kompass.
Zweitens bedeutet es, dass wir den Mut haben müssen, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Nicht im Geist der Anklage, nicht im Hochmut des Besserwissers, sondern in demütiger Liebe zur Seele des Nächsten und in Ehrfurcht vor Gott. Es mag sein, dass wir dafür gescholten werden. Es mag sein, dass wir dafür gemieden oder verspottet werden. Doch der Herr hat uns nicht versprochen, dass der Weg leicht sein wird. Er hat uns versprochen, dass er bei uns ist. – Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, sagt er in Matthäus 28, Vers 20. Diese Verheißung genügt.
Drittens bedeutet es, dass wir wieder lernen müssen, was wahre Liebe ist. Liebe ist nicht Gleichgültigkeit. Liebe ist nicht das Verschweigen der Wahrheit aus Angst vor Ablehnung. Liebe ist, wie Paulus sagt, dass man – die Wahrheit in Liebe redet (Epheser 4,15). Das bedeutet: klar, aber nicht verletzend; ernst, aber nicht lieblos; fest, aber nicht starr. Es ist eine Kunst, gewiss, und sie erfordert Weisheit und Gnade. Doch sie ist möglich, denn Gott selbst gibt uns seinen Heiligen Geist, der uns lehrt und leitet.
Die Warnung Jesu an seine Jünger, dass das Salz nicht schal werden darf, ist eine Warnung an uns alle. Salz, das seine Kraft verliert, ist nutzlos. Es wird weggeworfen. So auch eine Gemeinde, die ihre prophetische Stimme verliert, die nur noch nachspricht, was die Welt ohnehin schon sagt. Eine solche Gemeinde mag groß sein, sie mag beliebt sein, sie mag sozialen Einfluss haben. Aber sie ist geistlich tot. Sie hat ihre Berufung verloren. Denn die Berufung der Gemeinde ist nicht, die Welt zu spiegeln, sondern ihr das Licht Christi zu bringen. Und Licht ist immer ein Kontrast zur Dunkelheit. Es ist nie bequem, nie selbstverständlich, nie ohne Widerstand.
Wir leben in einer Zeit, die dringend wieder Salz braucht. Salz, das brennt, das bewahrt, das schmeckt. Salz, das nicht verwässert ist durch falsche Rücksichtnahme oder feige Anpassung. Christen, die den Mut haben, Christus zu bekennen, auch wenn es kostet. Christen, die bereit sind, für die Wahrheit einzustehen, auch wenn sie dafür allein dastehen. Denn am Ende kommt es nicht darauf an, ob wir von der Welt geliebt werden. Es kommt darauf an, ob wir treu waren. Ob wir das Wort verkündigt haben, ob wir gelebt haben, was wir glaubten, ob wir Christus ähnlicher geworden sind.
Der Apostel Paulus hat sein Leben mit diesen Worten beschrieben: – Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten (2. Timotheus 4,7). Möge dies auch unser Zeugnis sein am Ende unserer Tage. Nicht, dass wir beliebt waren. Nicht, dass wir erfolgreich waren nach weltlichem Maß. Sondern dass wir treu waren. Treu dem Wort, treu dem Herrn, treu der Wahrheit. Denn nur diese Treue zählt vor Gottes Thron. Amen.
Pater Berndt