Das Leben selbst ist erschienen. Der Apostel Johannes schreibt von einer greifbaren Begegnung mit dem ewigen Christus, die Herz und Sinne erfasst – und uns zur Gemeinschaft ruft.

1.Johannes 1,1-4: – Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist; was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.

Was für ein gewaltiges Zeugnis eröffnet uns der Apostel Johannes in diesen ersten Versen seines Briefes! Hier spricht kein Traumdeuter, kein Philosoph mit vagen Vermutungen über das Göttliche, sondern ein Mann, der mit eigenen Händen berührt hat, was von Anfang an war. Johannes schreibt nicht aus der Ferne, sondern aus der unmittelbaren Nähe dessen, der das Leben selbst ist: Jesus Christus, das fleischgewordene Wort Gottes. Diese Verse sind durchdrungen von der tiefen Gewissheit eines Augenzeugen, der das Unbegreifliche erlebt hat und nun davon Zeugnis ablegen muss, damit auch wir in diese Gemeinschaft hineingezogen werden.

– Was von Anfang war – mit diesen Worten hebt Johannes an und führt uns zurück in die Ewigkeit, ja, noch vor die Schöpfung selbst. Wir hören das Echo jener anderen johanneischen Worte: – Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott (Johannes 1,1). Hier wird uns keine zeitliche Begrenzung genannt, kein Datum, keine Epoche. Es geht um den, der schon war, bevor irgendetwas wurde. Christus ist nicht ein Geschöpf unter Geschöpfen, nicht ein Prophet unter Propheten, sondern der ewige Sohn Gottes, der von Ewigkeit her beim Vater war. Dieses – von Anfang verbindet das Evangelium mit der Schöpfung selbst, denn auch dort lesen wir: – Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde (1. Mose 1,1). Derselbe, durch den alles geschaffen wurde, ist nun Mensch geworden und unter uns erschienen.

– Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben – welch eindringliche Häufung! Johannes legt Zeugnis ab mit allen Sinnen. Er hat gehört, wie Jesus sprach, wie seine Stimme die Stürme stillte, wie er die Kranken heilte, wie er den Vater pries und die Schriftgelehrten zurechtwies. Er hat – gesehen, wie Jesus über das Wasser ging, wie er den Lazarus aus dem Grab rief, wie er am Kreuz hing und wie er auferstanden vor ihnen stand.

Er hat – angeschaut, nicht flüchtig, sondern verweilend, betrachtend, staunend. Und er hat – betastet – ja, nach der Auferstehung durften die Jünger die Wundmale berühren, durften erkennen, dass dieser Auferstandene kein Geist, sondern wahrhaftig leiblich gegenwärtig war. – Seht an meinen Händen und meinen Füßen, dass ich es bin! Rührt mich an und schaut, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich es habe (Lukas 24,39). Das Wort des Lebens ist keine abstrakte Idee, keine fromme Einbildung, sondern konkrete, greifbare, geschichtliche Wirklichkeit.

Dieses Wort des Lebens ist niemand anderes als Jesus Christus selbst. Er ist das Wort, das Gott von Anfang an gesprochen hat, und er ist zugleich das Leben. – In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen (Johannes 1,4). Wo Christus ist, da ist Leben. Nicht bloß biologisches Dasein, nicht bloß Atem und Herzschlag, sondern wahres Leben, ewiges Leben, Leben in Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Ohne Christus sind wir tot in unseren Sünden, wie Paulus schreibt: – Auch euch ‹hat er mit Christus lebendig gemacht›, obwohl ihr durch eure Sünden und Verfehlungen tot wart (Epheser 2,1). Doch in Christus werden wir lebendig gemacht, durch sein Opfer am Kreuz, durch seine Auferstehung, durch den Glauben, den der Heilige Geist in uns wirkt.

Und das Leben ist erschienen – hier liegt das Herz der christlichen Botschaft. Gott ist nicht fern geblieben, nicht stumm, nicht verborgen in unerreichbarer Höhe. Nein, das Leben selbst, der ewige Sohn, ist in unsere Welt hineingetreten, hat Fleisch angenommen, ist einer von uns geworden. – Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Johannes 1,14). Diese Erscheinung ist kein Mythos, kein Märchen, sondern geschichtliche Tatsache. Zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, unter dem Kaiser Augustus, unter dem Statthalter Pontius Pilatus, ist Gott Mensch geworden. Das ist die Inkarnation, die Fleischwerdung, das große Wunder der Weihnacht, das sich vollendet am Kreuz und in der Auferstehung.

– Und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist – Der Apostel Johannes spricht hier nicht nur für sich selbst, sondern für die gesamte apostolische Gemeinschaft. Die Apostel sind die von Christus berufenen Zeugen, die von Anfang an dabei waren, die ihn begleitet haben, die seine Lehre empfangen haben, die ihn sterben sahen und den Auferstandenen begegneten. Ihr Zeugnis ist das Fundament der Kirche. – So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge ohne Bürgerrecht und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist (Epheser 2,19-20). Dieses Zeugnis ist nicht menschliche Meinung, sondern göttliche Offenbarung, bewahrt für uns in der Heiligen Schrift.

Nimm die Geschichtlichkeit weg, und die Wirklichkeit Gottes verfliegt. Wer die historische Wahrheit der Heiligen Schrift antastet, der rührt im Grunde an Gottes Dasein selbst. So ernst steht die historische Frage für das biblische Wort. Ein Gott, der nicht in unserer Geschichte handelt, dem man das Wirken abspricht, ist ein Gedankengott, ein Philosophengott; ein bloßer Begriff ohne Kraft und ohne Anspruch. Ein solcher Gott bindet niemanden, trägt niemanden, rettet niemanden. Der Gott der Bibel aber ist ein Gott, der handelt, der spricht, der in die Zeit tritt und sich finden lässt.

Das – ewige Leben ist keine bloße Verlängerung irdischer Existenz, sondern eine Qualität des Lebens, die schon jetzt beginnt und niemals endet. Es ist das Leben in der Gemeinschaft mit Gott, im Licht seiner Liebe, in der Freude seiner Gegenwart. Jesus selbst definiert es so: – Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen (Johannes 17,3). Erkennen meint hier nicht bloß intellektuelles Wissen, sondern lebendige, persönliche Beziehung, vertrauensvolle Gemeinschaft, liebende Hingabe. Dieses Leben war – bei dem Vater von Ewigkeit her, und es ist – uns erschienen in der Person Jesu Christi. Wer Christus hat, der hat das Leben. – Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht (1. Johannes 5,12).

– Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt – Hier zeigt sich der rechte Zweck der apostolischen Predigt. Es geht nicht um bloßes Wissen, nicht um religiöse Belehrung, nicht um moralische Anweisung, sondern um Gemeinschaft. Das griechische Wort koinonia meint eine tiefe Verbundenheit, Teilhabe, ein gemeinsames Leben. Die Verkündigung des Evangeliums will uns in diese Gemeinschaft hineinziehen, dass wir nicht mehr für uns allein stehen, sondern verbunden sind mit den Aposteln, mit der Kirche aller Zeiten, mit den Heiligen, die vor uns gegangen sind, und mit denen, die nach uns kommen werden. Diese Gemeinschaft ist kein menschlicher Verein, keine weltliche Einrichtung, sondern ein geistliches Werk, gewirkt durch den Heiligen Geist, gegründet auf Gottes Wort, genährt durch Taufe und Abendmahl.

– Und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus; das ist der Kern, die Mitte, der eigentliche Grund unserer Gemeinschaft. Wir sind nicht nur untereinander verbunden, sondern durch Christus hineingenommen in die Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn. Das ist ein Geheimnis, unaussprechlich und voller Gnade, höher als all unser Verstehen.

Der dreieinige Gott selbst öffnet seine ewige Liebesgemeinschaft für uns arme Sünder. So spricht der Herr: – Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen (Johannes 14,23). Durch den Glauben an Jesus Christus werden wir Kinder Gottes, Erben des Vaters, Miterben mit Christus. – Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus (Galater 3,26). Diese Gemeinschaft ist nicht unser Werk, sondern Gottes Gabe; nicht unser Verdienst, sondern seine Barmherzigkeit.

– Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei – welch wunderbares Ziel! Die Verkündigung des Evangeliums dient nicht der Bedrückung, nicht der Knechtschaft, nicht der Angst, sondern der Freude. Und nicht irgendeiner oberflächlichen Freude, nicht vergänglichem Vergnügen, sondern vollkommener Freude, Freude, die tief in der Seele wurzelt, die alle Umstände überdauert, die selbst im Leiden nicht vergeht. Diese Freude entspringt der Gewissheit, dass wir mit Gott versöhnt sind, dass unsere Sünden vergeben sind, dass uns das ewige Leben geschenkt ist. – Freut euch allezeit! Betet ohne Unterlass! Seid in allem dankbar; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch (1. Thessalonicher 5,16-18).

Selbst die Apostel, die um Christi willen Verfolgung und Leiden erduldeten, waren erfüllt von dieser Freude. – Die Apostel verließen den Hohen Rat und waren voller Freude, dass Gott sie gewürdigt hatte, für den Namen ihres Herrn so gedemütigt zu werden (Apostelgeschichte 5,41).

Diese vollkommene Freude ist keine menschliche Leistung, keine Frucht unserer Anstrengung, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes. Sie ist eine der Früchte des Geistes, von denen Paulus spricht: – Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung (Galater 5,22-23). Wo der Geist Gottes wohnt, da ist Freude, nicht weil die äußeren Umstände angenehm wären, sondern weil wir wissen, dass wir in Gottes Hand geborgen sind, dass nichts uns von seiner Liebe trennen kann, dass unser Leben ein Ziel hat, das über dieses vergängliche Dasein hinausreicht.

Doch eben diese Freude, von der die Heilige Schrift zeugt, ist vielen Christen unserer Tage fremd geworden. Wir leben, als hinge alles an uns selbst, als müssten wir uns den Himmel verdienen, als sei Gottes Gnade ein ferner Gedanke und nicht eine gegenwärtige Wirklichkeit. Darum sind viele Herzen schwer, viele Seelen müde, viele Gemeinden ohne Trost. Wir haben die Freude verloren, weil wir den Blick von Christus abgewandt haben und auf uns selbst gerichtet halten. Wo aber Christus nicht mehr die Mitte ist, da kann keine Freude bleiben. Denn die Freude wächst allein aus dem Evangelium, aus der frohen Botschaft, dass Gott für uns ist und nicht gegen uns, dass Christus unser Heil ist und nicht unser Richter. Darum ruft uns das Wort Gottes zurück zu dieser Freude, die nicht aus uns kommt, sondern aus ihm, der gestern und heute und in Ewigkeit derselbe ist.

Die Botschaft des Apostels Johannes ruft uns heute auf, selbst Zeugen dieser Wirklichkeit zu werden. Wir haben vielleicht nicht mit eigenen Händen den irdischen Jesus berührt, aber wir haben sein Wort, das uns durch die Heilige Schrift zuverlässig überliefert ist. Wir haben den Heiligen Geist, der in unseren Herzen Zeugnis gibt, dass wir Gottes Kinder sind. Wir haben die Gemeinschaft der Gläubigen, in der Christus gegenwärtig ist. – Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte (Matthäus 18,20). Und wir haben den Auftrag, weiterzugeben, was wir empfangen haben, damit auch andere zur Gemeinschaft mit Gott finden und ihre Freude vollkommen wird.

Die Verkündigung des Evangeliums ist keine Option für besonders Begabte, sondern Aufgabe aller Getauften. – Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes (Matthäus 28,19).

In einer Zeit, da viele Menschen meinen, das Leben sei ohne Sinn, die Welt kalt und gleichgültig, und es gebe keine letzte Wahrheit, ist das Zeugnis des Johannes von unschätzbarem Wert. Denn es verkündigt uns, dass das Leben einen Namen hat, dass die Wahrheit eine Person ist, dass die Liebe Fleisch geworden ist. Es ruft uns heraus aus der Enge unserer eigenen kleinen Welt und lädt uns ein, einzutreten in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott und mit allen, die an ihn glauben. Es verheißt uns eine Freude, die nicht an den äußeren Umständen hängt, sondern gegründet ist in der unveränderlichen Treue Gottes.

Lasst uns also festhalten an diesem Zeugnis, lasst uns gründen unser Leben auf dem Wort, das von Anfang an war und das uns erschienen ist. Lasst uns die Gemeinschaft mit Gott und untereinander pflegen, durch Gebet, durch das Hören des Wortes, durch die Feier der Sakramente, durch gegenseitige Liebe und Ermutigung. Und lasst uns weitersagen, was wir gehört und erfahren haben, damit auch andere zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und ihre Freude vollkommen werde. Denn in Christus ist uns alles geschenkt: Vergebung, Leben, Gemeinschaft und Freude, die niemals endet. Amen.

Pater Berndt