Jesus aß mit Zöllnern und Sündern. Doch Seine Einladung war kein Freispruch zur Sünde, sondern ein Ruf zur Umkehr. Wer am Tisch des Herrn bleibt, muss auch Seinen Ruf hören: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Es ist eine der schönsten und zugleich missverstandensten Wahrheiten des Evangeliums, dass unser Herr Jesus Christus mit Sündern aß. Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten darüber, wie es in Lukas 15,2 geschrieben steht: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen. Sie begriffen nicht, dass gerade in dieser Tischgemeinschaft die ganze Herrlichkeit der Gnade Gottes aufstrahlte. Doch wir müssen achtgeben, dass wir diese Gnade nicht zur Zügellosigkeit verkehren, wie der Apostel Judas in seinem Brief warnt, wenn er von gottlosen Menschen spricht, – die die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit verkehren (Judas 4). Die Tischgemeinschaft Jesu war niemals eine Bestätigung des sündigen Lebens, sondern stets ein Ruf zur Umkehr, ein Angebot der Vergebung und zugleich ein heiliger Auftrag zur Erneuerung des Lebens.

Wenn wir die Heilige Schrift aufmerksam betrachten, so sehen wir, dass Jesus zwar die Sünder suchte, aber niemals ihre Sünde billigte. Als die Schriftgelehrten und Pharisäer die Ehebrecherin zu Ihm brachten, sprach Er zu ihr mit jener Milde, die nur aus dem Herzen Gottes kommen kann: – Auch ich verurteile dich nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr (Johannes 8,11). Hier offenbart sich das ganze Wesen der göttlichen Gnade: Sie ist barmherzig, aber nicht gleichgültig; sie vergibt, aber sie heiligt auch. Der Herr Jesus wirft den ersten Stein nicht, aber Er lässt die Sünde auch nicht unberührt stehen. Seine Liebe ist zu groß, um uns in unserem Elend zu belassen. Er befreit uns nicht nur von der Verdammnis, sondern auch von der Herrschaft der Sünde.

In der Begegnung mit Zachäus, dem Oberzöllner, sehen wir dasselbe Muster göttlichen Handelns. Jesus lädt sich selbst in sein Haus ein, sehr zum Ärger der frommen Leute, die murrten: – Er ist bei einem sündigen Mann eingekehrt, um Herberge zu nehmen (Lukas 19,7). Aber was geschah in diesem Haus? Zachäus wurde von der Gegenwart Christi so ergriffen, dass er ausrief: – Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, so gebe ich es vierfältig zurück (Lukas 19,8). Darauf sprach Jesus jenes große Wort: – Heute ist diesem Haus Heil widerfahren (Lukas 19,9). Die Tischgemeinschaft mit Christus führte nicht zur Selbstzufriedenheit, sondern zur radikalen Lebensänderung.

Wo Christus einkehrt, da verändert sich alles. Wo Er Sein Mahl hält, da erneuert Er die Herzen. Seine Gnade ist wirksam, nicht bloß dekorativ.

Der heilige Apostel Paulus hat dies mit großer Klarheit verstanden, als er die Gemeinde in Korinth ermahnte, das Abendmahl würdig zu genießen.

Er schreibt in 1. Korinther 11,27–29: – Wer nun unwürdig von diesem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der versündigt sich am Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke aus dem Kelch; denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.

Hier ist keine leichtfertige Einladung ausgesprochen, sondern eine heilige Mahnung. Das Abendmahl ist keine gewöhnliche Mahlzeit, sondern ein Sakrament, ein heiliges Zeichen der Gemeinschaft mit Christus und untereinander. Wer an diesen Tisch tritt, der tritt vor den lebendigen Gott. Wer dort isst und trinkt, der empfängt Leib und Blut des Herrn zur Vergebung der Sünden, aber auch zur Verpflichtung eines neuen Lebens.

Es ist daher von größter Wichtigkeit, dass wir uns prüfen, ehe wir zum Tisch des Herrn hinzutreten. Diese Prüfung ist keine Selbstgerechtigkeit, sondern ein Akt der Demut und der Ehrfurcht. Wir fragen uns: Erkenne ich meine Sünde? Bereue ich sie wahrhaftig? Bin ich gewillt, mit Gottes Hilfe ein neues Leben zu führen? Oder komme ich leichtfertig und gleichgültig, als wäre die Gnade Gottes ein Freibrief zur Sünde? Der heilige Paulus sagt nicht, dass wir sündlos sein müssen, ehe wir kommen, das wäre unmöglich, denn wir sind allesamt Sünder. Aber er sagt, dass wir nicht gleichgültig gegenüber unserer Sünde sein dürfen. Wer bewusst in der Sünde lebt und sie nicht lassen will, der verachtet die Gnade Gottes und macht sich schuldig am Leib und Blut Christi.

Die Reformatoren haben dies klar gelehrt. Martin Luther selbst betonte immer wieder, dass das Abendmahl für bußfertige Sünder eingesetzt ist, nicht für stolze Selbstgerechte oder für reuige Sünder, die in ihrem alten Leben verharren wollen. In seinem Kleinen Katechismus fragt er: „Wer empfängt denn solches Sakrament würdiglich?“ Und er antwortet: „Fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden.“

In diesen Worten fasst Luther die ganze evangelische Würde des Sakraments zusammen. Nicht unsere Vorbereitung, nicht unser Fasten, nicht irgendeine äußere Frömmigkeitsübung macht uns würdig – so fein und nützlich sie an ihrem Ort sein mögen. Sondern allein der Glaube, der sich an das Wort Christi hängt, macht den Menschen geschickt zum Empfang. Denn wo das Herz sich an die Verheißung hält: – Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden, da geschieht rechte Kommunion. Da empfängt der Mensch nicht bloß Brot und Wein, sondern Christus selbst mit all seinen Gaben. So bleibt die Würdigkeit nicht ein Werk des Menschen, sondern ein Geschenk Gottes, das im Glauben ergriffen wird.

Der Glaube allein macht würdig, aber dieser Glaube ist niemals allein, er wirkt durch die Liebe und führt zur Umkehr.

Wenn wir also sagen, dass Jesus mit Sündern aß, dann sagen wir damit zugleich, dass Er sie nicht in ihrer Sünde beließ. Er kam nicht, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder zur Buße, wie es in Lukas 5,32 heißt. Die Buße, griechisch metanoia, bedeutet Umkehr, eine Änderung der Gesinnung und des Lebens. Es ist nicht nur ein Bedauern über begangene Fehler, sondern eine radikale Abkehr von der Sünde und eine Hinwendung zu Gott. Jesus ruft uns nicht nur aus der Verdammnis heraus, sondern auch in ein neues Leben hinein.

Er befreit uns von der Schuld der Sünde durch Sein Blut am Kreuz, und Er befreit uns von der Macht der Sünde durch Seinen Heiligen Geist, der in uns wohnt.

In diesem Licht müssen wir auch das Abendmahl verstehen. Es ist ein Mahl der Vergebung, ja, aber auch ein Mahl der Erneuerung. Es ist ein Mahl der Gemeinschaft mit Christus, aber auch ein Mahl der Verpflichtung. – Jedes Mal also, wenn ihr dieses Brot esst und von diesem Becher trinkt, verkündet ihr damit die Rettung, die durch den Tod des Herrn geschehen ist, bis er wiederkommt (1. Korinther 11,26). Er bezeugt damit, dass sein altes Leben gekreuzigt ist mit Christus und dass er nun nicht mehr sich selbst lebt, sondern Christus in ihm lebt. Denn der Heilige Paulus schreibt: – Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich [selbst], sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat (Galater 2,20).

Das Abendmahl ist kein Ritual für unbußfertige Sünder, sondern ein heiliges Mahl für jene, die ihre Sünde erkannt haben, sie bereuen und im Glauben an Christus um Vergebung bitten.

Deshalb ist es kein Zeichen von Härte oder Lieblosigkeit, wenn die apostolische heilige Kirche darauf besteht, dass nur jene zum Abendmahl zugelassen werden, die in rechter Buße und im rechten Glauben kommen. Es ist vielmehr ein Zeichen der Liebe, denn es schützt die Seelen vor Schaden. Der Heilige Paulus sagt, – das ist ja auch der Grund, weshalb viele von euch schwach und krank sind und nicht wenige sind sogar gestorben (1. Korinther 11,30). Das ist keine leere Drohung, sondern eine ernste Warnung. – Gott lässt sich nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er auch ernten (Galater 6,7).

Zugleich aber ist das Abendmahl auch ein Ort größter Gnade und größten Trostes. Für den bußfertigen Sünder, der unter seiner Schuld seufzt und nach Vergebung dürstet, ist es die sicherste Zusage der göttlichen Gnade. Hier empfängt er nicht nur ein Symbol, sondern den wahren Leib und das wahre Blut Christi zur Vergebung seiner Sünden. Hier wird ihm zugesprochen: Deine Sünden sind dir vergeben, geh hin in Frieden. Hier wird er gestärkt im Glauben, erneuert in der Liebe und befestigt in der Hoffnung. Das Abendmahl ist ein Vorgeschmack des himmlischen Hochzeitsmahles des Lammes, von dem in Offenbarung 19,9 geschrieben steht: – Glückselig sind die, welche zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind!

Lasst uns daher nicht leichtfertig mit diesem heiligen Sakrament umgehen. Lasst uns nicht so tun, als wäre die Gnade Gottes billig und ohne Kosten. Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Schrift „Nachfolge“ zwischen billiger und teurer Gnade unterschieden. Billige Gnade ist Vergebung ohne Buße, Taufe ohne Gemeindezucht, Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünde. Teure Gnade dagegen ist das Evangelium, das immer wieder gesucht werden muss, die Gabe, um die gebeten werden muss, die Tür, an die angeklopft werden muss. Sie ist teuer, weil sie das Leben kostet, und sie ist Gnade, weil sie eben dadurch das Leben schenkt.

Wenn also unser Herr Jesus mit Sündern aß, dann tat Er es, um sie aus der Finsternis ins Licht zu rufen, aus dem Tod ins Leben, aus der Knechtschaft der Sünde in die Freiheit der Kinder Gottes. Sein Ruf ergeht auch heute noch an jeden von uns: – Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken (Matthäus 11,28). Aber dieser Ruf schließt auch das Wort ein: – Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir (Matthäus 11,29). Die Einladung ist voller Gnade, aber sie ist auch voller Ernst.

Wer zu Jesus kommt, der muss bereit sein, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Ihm nachzufolgen (Lukas 9,23). So zeigt der Herr klar, dass die Nachfolge kein Spaziergang, sondern ein Weg unter dem Kreuz ist. Denn wer sich zu Christus hält, der wird nicht nur seiner Gnade teilhaftig, sondern auch seiner Schmach. Das Kreuz ist darum kein zufälliges Beiwerk, sondern das Kennzeichen des Christen. Es bedeutet, täglich dem alten Menschen zu sterben, den eigenen Willen zu verleugnen und sich unter das Wort und die Führung Christi zu beugen. Doch gerade darin liegt die Freiheit: Nicht mehr sich selbst zu gehören, sondern dem, der uns erkauft hat. So wird das Kreuz, das zunächst drückt, zum Holz des Lebens, weil Christus selbst es trägt und uns auf diesem Weg vorangeht.

Gnadenmahl und Bußruf: Jesu Tischgemeinschaft als ernster Ruf zur Umkehr: Denn wo Christus sich zu Tisch setzt, da kommt nicht bloß Trost, sondern auch heilsamer Ernst ins Haus. Seine Gemeinschaft ist nie eine belanglose Geselligkeit, sondern stets Ruf zur Umkehr und Einladung zur Gnade zugleich. Am Tisch des Herrn wird der Sünder nicht geschmeichelt, sondern erneuert; nicht bestätigt in seinem alten Wesen, sondern herausgerufen in das neue Leben. Darum ist die Tischgemeinschaft Jesu immer beides: süßer Zuspruch und ernstes Gericht, Evangelium und Bußruf. Wer sich zu diesem Mahl setzt, der empfängt nicht nur Brot und Wein, sondern Christus selbst und mit Ihm die heilige Verpflichtung, in seinem Licht zu wandeln.

Darum, liebe Geschwister, wenn wir zum Tisch des Herrn treten, dann lasst uns dies in rechter Vorbereitung tun. Lasst uns unsere Sünden bekennen, nicht nur im Allgemeinen, sondern im Besonderen. Lasst uns um Vergebung bitten im Namen Jesu Christi. Lasst uns prüfen, ob wir bereit sind, auch denen zu vergeben, die an uns gesündigt haben, denn Jesus lehrt uns zu beten: – Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern (Matthäus 6,12). Lasst uns mit Glauben und Vertrauen kommen, nicht mit Zweifeln und Misstrauen. Und lasst uns bereit sein, unser Leben nach Gottes Willen zu führen, mit Seiner Hilfe und in Seiner Kraft.

So wird das Abendmahl zu dem, was es sein soll: ein Mahl der Gemeinschaft mit Christus, ein Mahl der Vergebung und Erneuerung, ein Mahl der Stärkung für den Weg des Glaubens. Es ist ein Zeichen der Liebe Gottes, die uns nicht aufgibt, sondern uns immer wieder zu sich zieht, uns reinigt und heiligt, bis wir einmal vollkommen sind an jenem großen Tag, da wir Ihn sehen werden von Angesicht zu Angesicht. Bis dahin gehen wir im Glauben, gestärkt durch Sein Wort und Sakrament, getragen von Seiner Gnade, geführt von Seinem Geist. Amen.

Pater Berndt